Die Absicht der IBM hinter der Übernahme des Analyse-Spezialisten SPSS erklärt Big Blue laut einer Mitteilung der Experton Group damit, dass es notwendig sei,..
....ein ganzheitliches Business-Intelligence (BI)-Portfolio anzubieten. Das soll den Kunden helfen, bessere, auf statistischen Analysen beruhende Entscheidungen zu treffen. „Die Ergänzung des aktuellen Portfolios dürfte allerdings nur die halbe Wahrheit sein“, vermutet Heiko Miertzsch, Senior Advisor der Experton Group, und ergänzt: „Zum Einen will IBM vielleicht den Original Equipment Manufacturer (OEM)-Partner SPSS vor anderen Übernahmen retten. Zum Anderen dürfte es auch um den Kundenzugang und vor allem das Prozess-Know-how gehen, das in die mittel- und langfristige Gestaltung der eigenen Produkte einfließen soll.“
BI – Erfolg bringt erst die Kombination aus Tools und Methoden
Im Folgenden beleuchtet der Analyst der Experton Group die Hintergründe des aktuellen Marktumfeldes und schätzt die Auswirkungen für den Markt ein: "Der BI-Markt ist eines der wenigen Wachstumssegmente in einem schwierigen Marktumfeld. Die Absatzzahlen der Produkte, Projektanfragen oder die Anzahl der Stellenanzeigen belegen, dass der Bedarf an Transparenz und Analysemethoden ganz oben auf der Anforderungsliste der Unternehmen steht.
Ziel der Anwender ist es, die mittlerweile ausreichend vorhandenen und stetig anwachsenden Daten zu analysieren. Hierzu müssen Modelle entwickelt werden, die Trends aufzeigen oder Entscheidungsgrundlagen bereitstellen. Wir versinken in einer Flut an Informationen und dürsten zugleich nach Wissen - wie es John Naisbitt so treffend formulierte. Die Werkzeuge dazu sind Produkte, angefangen von Datenbanken bis hin zu Analysetools. In diesem Umfeld gibt es trotz der Konsolidierung eine ganze Reihe kommerzieller und freier Tools für die verschiedenen Einsatzbereiche und Leistungsklassen.
Doch die Werkzeuge sind (bislang) nur ein (kleiner) Aspekt. Mindestens ebenso wichtig sind – jedenfalls noch – das Methodenwissen der Mitarbeiter, die mit der Software umgehen sollen sowie das Verständnis und die Akzeptanz der Manager, die basierend auf den Analyseergebnissen Entscheidungen treffen sollen. Vor dem Hintergrund muss kritisch die Frage gestellt werden, welche Bedeutung die Akquisition für Anwender und Wettbewerber haben wird?
Tool-Unterstützung geht manuelle Arbeit voraus
SPSS wirbt mit Predictive Analytics und intelligenter Datenanalyse. Die Tools versprechen nichts weniger als die Vorhersage zukünftiger Entwicklung aus der Analyse vergangenheitsbezogener Daten. IBM möchte diese Funktionalitäten in die eigenen Tools integrieren und somit eine ganzheitliche Lösung anbieten. Die Praxis zeigt jedoch, dass einer erfolgreichen Tool-Unterstützung eine umfassende, oft noch sehr manuelle Arbeit vorausgeht. Das Sichten der Daten, semantische Definition, Interpretation und Beschreibung der Daten, die Bewertung der Datenqualität, Aufstellen geeigneter Fragestellungen und Hypothesen, Wahl der geeigneten Analysemethode sind nur einige Beispiele in diesem Zusammenhang. Unsere Beobachtungen zeigen, dass wir von einer großen Zahl BI-Projekte ausgehen müssen, die - teilweise weit -hinter den Erwartungen zurück geblieben sind.
Weiterhin muss an dieser Stelle berücksichtigt werden, dass das Management Vertrauen in die gewonnen Erkenntnisse haben muss, um Entscheidungen zu treffen. Auch wenn Google tagtäglich beweist, welche Bedeutung Mathematik und Statistik in unserem Leben haben, wird es noch eine Weile dauern, bis Kunden – und hier vor allem die Entscheider – die verschiedenen Methoden der Cluster-Analysen nutzen oder mit T-Tests arbeiten.
Hieraus folgt, dass die Einsatzszenarien der BI-Blackbox noch begrenzt sind. Typische Projekte mit den Schritten Ist-Analyse, Definition des Ziels, Umsetzung und Schulung werden das Bild im BI-Umfeld noch lange dominieren.
SPSS-Produkte sind nicht konkurrenzlos
Auch wenn SPSS als Platzhirsch in dem Segment der Software für statistische Datenauswertung gilt, sind die Produkte nicht konkurrenzlos. Gerade im universitären Umfeld, und da vor allem in den USA und Europa, wo die späteren Nutzer der Tools ausgebildet werden, werden verstärkt auch Alternativen genutzt, wie auch das Open-Source Projekt „R“.
Die Einflussfaktoren der Akquisition auf den Markt sind wie bei den meisten Akquisitionen zweigeteilt. Hervor sticht das umfassende abgerundete Portfolio der IBM. Dies wird jedoch genauso auf Befürworter wie auch auf Kritiker in der Kundschaft stoßen. Aufgrund der Projektarbeit ist kurzfristig interessanter, wie die Partner mit der Situation umgehen und welche Attraktivität das Portfolio für die alten und neuen Partner der IBM darstellt.
Frage nach der Lizenz- und Preispolitik stellt sich
Mittelfristig stellt sich vor allem die Frage nach der Lizenz- und Preispolitik – auch aufgrund des Wettbewerbsdrucks. Die aktuellen, oder gar steigenden Preise sind ohne weitere Mehrwerte gegen die Angebote aus dem Open Source-Umfeld nicht durchsetzbar. Und die Herausforderungen, Mehrwerte zu entwickeln, stellen sich allen Anbietern gleichermaßen.
Mittel- und langfristig bieten sich der IBM in dem BI-Umfeld Chancen Software- und Hardware-Entwicklung aufeinander abzustimmen. Dadurch könnten performante Lösungen für die Analyse strukturierter und unstrukturierter Daten entwickelt werden und IBM könnte sich vom Wettbewerb differenzieren.
Übernahme bestätigt wachsende Bedeutung der Datenanalyse
Wichtig für alle Marktteilnehmer an dem geplanten Deal ist vor allem Eines: Der Deal würde die hohe und in den nächsten Jahren wachsende Bedeutung der Analyse von Daten unterstreichen – ein Bieterkampf erst recht. Das sei an dieser Stelle ganz bewusst allgemein formuliert und losgelöst von definitorischen Feinheiten um Business Intelligence, Business Analytics unstrukturierter oder strukturierter Daten und Predicitive Analysis. Mittel- bis langfristig werden diese Lösungen zusammenwachsen müssen. Durch eine optimierte Hard- und Softwarelösung zur schnellen Datenanalyse mit einem direkten Anschluss an die (IBM)-Cloud für die rechenintensiven Analysen ist eine spannende Vision, die sich nahtlos in die Entwicklung der Datenanalyse, wie wir sie heute kennen, einreiht.
Die Kompetenzen und Marktzugänge, die sich IBM mit SPSS ins Boot holen würde, wären dafür sehr hilfreich und würden alle Wettbewerber, wie vermutlich auch IBM selbst, einem verstärkten Druck aussetzen.
Für die Kunden, die mit der sprichwörtlichen Datenflut kämpfen, würden sich künftig interessante Optionen bieten und die Akquisition würde sicher die Entwicklungszyklen beschleunigen. Allerdings ist auf Kundenseite niemand aufgefordert in Hektik zu verfallen. Viel mehr sollte die aktuelle Tool-Landschaft in Ruhe sondiert, mit den Anforderungen abgeglichen und vor allem auch in die Köpfe und Prozesse investiert werden.“
Autor:
Heiko Miertzsch ist bei der Experton Group AG als Senior Advisor tätig. Inhaltliche Kernthemen seiner Arbeit liegen im Umfeld von ECM, BI, CRM, IT-Services und IT-gestützter Geschäftsprozessoptimierung. Weitere Interessensschwerpunkte liegen in der Analyse und Bewertung des Zusammenspiels von Geschäfts- und IT-Strategien, Benchmark-Analysen sowie die Finanzierung und Verwaltung von IT-Assets.
Kommentare